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Ein Sucher auf seinem Marsch...

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Ein Sucher auf seinem Marsch...

Ungelesener Beitragvon GauWestfalenSüd » 04.06.2012, 20:37

Der Wecker meines Mobiltelefon. Wie oft habe ich diesen Klingelton schon verflucht. Aber nicht an diesem Morgen. An diesem Morgen erfreut man sich eines neuen Tages. Weitere Lebenszeit, die einem geschenkt wird.
Noch schlaftrunken blinzle ich in Richtung Bettdecke gegenüber. Mein treuer Freund erwidert diesen Blick und ein Grinsen auf beiden Seiten der Matrazen stellt sich ein. Ein müdes "Moin...". mehr ist grad noch nicht drin.
Dann ein Blick zum Fenster. Die ersten Sonnenstrahlen erhellen unser freundliches Pensionzimmer.
Draussen ist es ruhig. Nur die Vögel haben bereits begonnen, ihre Lieder zu singen und ich erfreue mich ihren Melodien.
Wieder ein Tag für Entdeckungen. Wieder ein Tag ins gewisse Ungewisse.
Die Gedanken werden nach einigen Minuten klar, da klopft auch schon unsere liebenswerte Pensionsdame an die Tür.
"Guten Morgen! Frühstück für die Herren. Habt ihr gut geschlafen?"
Und wie wir das haben. Der Tag zuvor endete mit einem Gewaltmarsch. Mein rechtes Knie zieht. "Noch keine 40 und schon Altersschwäche.." denk ich mir.
Doch als mein Blick auf ihr so liebevoll und reichlich bestücktes Frühstück fällt, wird dem Knie keine Beachtung mehr geschenkt.
Frische Brötchen, Marmeladen, Honig, Wurst- und Käseplatte, Kaffee, Saft und frischer Yoghurt. Du meine Güte.....wo fängt man da an??
Es vergeht fast eine Stunde, bis wir mir gut gefüllten Bäuchen und einem gepflegten Seufzer das Frühstücksmahl beenden.
Man will ja gut gestärkt hinaus und das neue Land entdecken.
Schnell in die Waldklamotten hüpfen, Rucksack packen und rein ins Sonder Kfz damit.
Karte raus.
"So Herr Von und Zu. Was sagt Deine Nase heute? Wo gehts hin?" fragt mich mein Kamerad.
Die Blicke ziehen ihre Bahnen auf der Karte. Bei zwei bekannten Ortsnamen verharre ich.
"Da setzen wir an. Und dann nach Norden zum Forsthaus *****."
Die 300m Kopfsteinpflaster bis zur Hauptstrasse verlangen meinem alten Auto alles ab. Hier hat der Soli nicht gegriffen...noch nicht.
Die Fahrt ist wie immer. Vorbei an Wiesen und durch diese endlosen Kiefernwälder, deren Duft einem den Atem rauben. Für einen Jäger das Paradies. Für einen Schatzjäger.
Vor 67 Jahren tobte dort einst der Krieg. Eingeschlossene Truppen und Zivilisten versuchten sich aus diesem Hexenkessel des Teufels höchstpersönlich zu schlagen. Für Viele von Ihnen sollten es die grausamsten und auch letzten Tage in ihrem Leben sein.
Doch heute keine Spur davon. Manchmal fast irrsinnig, wenn man bedenkt was dort geschehen ist und wie ruhig und friedlich es nun zugeht.
Wir erreichen unser Ziel. Der scharfe Blick ins Unterholz ...wie ein Scanner gehe ich die Umgebung ab.
Alle SInne auf Alarm, obwohl hier kein Krieg mehr tobt.
Es ist dieses Gefühl. Diese innere Unruhe bis zum ersten Fund. Was erwartet mich als nächstes? Wo wird das Edelmetall aufblitzen und in welchem Zusammenhang?
Man philosophiert so vor sich hin. Pure Leidenschaft eben zum Hobby. Falls es überhaupt noch als Hobby, sondern man es schon vielmehr als Teil und Einstellung seines Lebens verzeichnen könnte.
Auf seinem Marsch wieder ein Stück unserer Geschichte näher zu kommen, es als erster in seinen Händen zu halten, die Umstände zu jener Zeit versuchen nachzuempfinden.
Mit diesem Gefühl startet auch der Gang. Wie ein kleines Ritual. Immer die selben Handgriffe. Die Ausrüstung startklar gemacht verschwinden wir im Grün dieser riesigen Wälder.
Die Finger greifen zum Poti und drehen. "Klick. Tidelidüüü.......Piep Piep."
Der Kuss aufs Gestänge meines XP ist wie das Amen in der Kirche.
Dann gehts los. Alle Sinne auf Volllast. Der Blick abwechselnd Richtung Boden und wieder ins Umfeld gerichtet.
So wird sich der Weg nach Norden gebahnt, immer in Ausbruchsrichtung unserer tapferen Grossväter.
Mittlerweile hat die Sonne ihre Temperatur ebenfalls hochgefahren. In diesen schönen Wäldern schwirrt die warme Morgenluft so vor sich hin. Nur gut, dass die Mückenperiode noch auf sich warten lässt. In jenen Bereichen eine reine Plage. 100 Stiche und mehr pro Tag waren im vergangenen Jahr keine Seltenheit.
Aber irgendwas ist immer. Dieses mal ist es mein Knie. Verdammtes Knie. Humpeln wie Käptn Ahab...
Doch die Devise lautet "Weiter. Immer weiter!! Wo wir sind, ist Vorne!"
Weinen kann ich auch noch heute Abend.
Den ersten Querweg passieren wir nach etwa einer halben Stunde. Patronenhülsen deutschen Kalibers. Hier sind sie lang. Hier haben sie dem Feind Feuer gegeben und die Stirn geboten!
Dann schon der erste Fund des Tages. Man denkt nicht dran, man manifestiert es nicht. Wie immer eigentlich.......da liegt es plötzlich vor meinem Fuss.
Ein KVK 2. Klasse mit Schwertern. Deutlich sichtbar der Treffer eines Projektils an einer der Spitzen.
Die Freude darüber wird erst später einsetzen. Schnell ein Foto gemacht und gut verstaut und schnell weiter. Hier am Sandweg ist der Feind schneller da als man gucken kann. Keine 5 Minuten später rollt auch schon der Postmann in seinem gelben Gefährt an. Wir bleiben unbemerkt. Der schnelle, präzise Sprung ins Deckungsloch bewahrt uns vor dem Entdecktwerden.
Weiter...immer weiter.
An einem Hauptweg gehts ins Unterholz. Die Bäume dort sind keine 15 Jahre alt. Hier gehen die Einheimischen nicht rein. Und vor einigen Jahren war dieser Bereich nicht begehbar......so meine Idee, die sich gleich als Lottogewinn entpuppen wird.
Kurze Rast, ein Schluck aus der Flasche. Umgebung scannen.
Stark vermüllt hier. Überall deformierte Eisenteile und Patronenhülsen. Und eine Feldflasche. Aha!
"Den nächsten Ton grabe ich noch an, dann lass uns in den Hochwald gegenüber...."
Und da ist auch schon das Signal. Einen Spatenhieb, da fliegt irgendwas an meinem Schuh vorbei. Eine mir doch recht bekannte Form......!? "Erkennungsmarke!!" rufe ich. "Komm sofort her!"
Ich wische mit dem Handschuh über das ovale Aluminium. "Stab Infanterie-Regiment 344 mit niedriger Nummer 72. Klasse!"
Sofort wird die Kamera gezückt und das Ganze dokumentiert.
"Mal sehen, ob hier noch mehr kommt...." Und dann gehts los.
Der nächste Ton erklingt aus meinem Gerät gut einen Meter weiter. Glasscherben und Porzelanstücke werden vom Spatenblatt durchs Moos gezogen....und dann wieder ein bekanntes Etwas.
"Hier liegt noch ne Marke!" Unfassbar. In so bekanntem und tausendfach überranntem Gebiet eine unberührte Stelle. Da geht einem das Sucherherz auf.
Die zweite und dritte Erkennungsmarke entpuppen sich als Standardmarken. "Luftnachrichten Regiment" und "schwere Flak Batterie". Und es klingelt noch.
Der Spaten bahnt sich wieder den Weg in den sandigen Untergrund und befördert das nächste Oval zu Tage......und plötzlich wird es ganz warm und still um mich, als ich die Beschriftung lese.
"SS Verfügungstruppe"....
"Ich brauch mal ne Kippe. Da hauts Dich nieder."
Den Tabakstummel noch nicht ganz zuende geraucht, blitzt mein Spaten schon wieder in der Mittagssonne und verschwindet fast lautlos im Sandmeer.
EIn Ruck und es liegt wieder eine Marke vor mir.....und noch Eine...und noch EIne.........MOMENT!
Wieder Stille. Wieder diese Wärme. Wieder ein fassungsloses Grinsen bis über beide Ohren.
Die nächsten SS Runen schauen mich fast unschuldig an.
"Was geschieht hier gerade??" staunen-
Mein treuer Freund kommt nur kurz angelaufen, um sichtlich geschockt meinen Fund zu begutachten.
"Du machst mich fertig, Dennse. Du machst mich fertig..."
Der arme Kerl kann es nicht fassen. Ich selber aber auch nicht. Mal zwei Marken an einer Stelle zu finden ist nicht mehr Alltag.
In so einem Bereich mit einem Schlag acht Marken zu finden einfach nur verrückt!
Und alles durcheinander. Fallschirmjäger, Infanterie, Flak und SS.
Was mag hier geschehen sein? Haben sie hier mit Zivilisten nach dem kräftezehrenden Kampf wenige Km südlich pausiert und sich ihrer Identität entledigt, oder hat der Feind seine Sammlung dort beseitigt....und somit auch die Identität Gefallener!?
Mit einem Bier und Stulle setze ich mich hin und rufe Mister Fassungslos herbei.
Soll er nun auch sein Glück versuchen an der kleinen Goldgrube. Dem Freund sei es von Herzen gegönnt.
Und nachdem ich es ihm angekündigt hatte, setzt er auch schnell meine Worte in wenigen Minuten in die Realität um.
Eine weitere Erkennungsmarke findet durch seinen Spaten wieder den Weg in die Freiheit.
"Na siehste. hab ich doch gesagt. Sollst ja nicht leer ausgehen."
Endlich wieder freundliche und entspannte Gesichtszüge seinerseits. Nun hat er auch etwas zum Freuen. Ich brauche eh erstmal ein paar Minuten zum verdauen.
Ja, so ein Fundus ist schwer verträglich. Aber mit ihm verschwindet auch die innere Unruhe und verwandelt sich in Leichtigkeit. Sie beflügelt Einen nahezu. Doch mein Knie sieht das etwas anders. Das leichte Ziehen heisst nun Schmerz und ist nicht auf meiner Seite. "Du verdammte Sau!!! Was soll das denn!?"
Nach der Fotodokumentation und Aufräumen der Fundstelle ziehen wir unseres Weges.
Weiter...immer weiter. Irgendwas passiert heute noch.
Der Blick auf die Uhr. Es ist schon später Nachmittag.
"Na komm, wir drehen um. Mein Knie treibt mich noch in den Wahnsinn."
Nur wenige hundert Meter entfernt der Goldgrube ein Signal. Der Blick schweift umher. Überall alte Spuren vorangegangener Schatzjäger.
Wohl etwas übersehen im Gefecht der Begierde.
Und da liegt plötzlich vor mir, was ich in der weit entfernten Heimat nicht finden sollte.
Mein erstes Verwundetenabzeichen in Silber, im Traumzustand.
"Bombe!!!!.......was ist denn hier verkehrt!?"
Wieder nur ein Blick der Ungläubigkeit. Der Tag, an dem die Erde still stand und das Land, in dem Milch und Honig fliessen in einem Ritt.
Doch fast alle schönen Dinge im Leben verlangen ein Opfer ab. Das Knie wird zur elenden Qual. Bekomme ich heute bitte ein Neues,ja!??
Der Weg zum Auto wird abgehumpelt. Machste nix. Die Taschen voller Gold, die Schuhe voll Zement. nono-
Das Starten des Motors ist wie ein Befreiungsschlag. Endlich raus aus den sandigen Sachen, rein in die Dusche.
Währenddessen köchelt schon das Abendmahl. Und das Bier steht kalt! Das verdiente Feierabend-Fundbier.
Da liegen sie, die Funde des Tages. Schön aufgereit auf dem Tisch und zeigen ihre beste Seite. Und obwohl man einen so erfolgreichen Tag feiert, sind die Gefühle gemischt.
Was ist mit diesen Menschen passiert? Was mussten sie durchleben? Haben sie es überhaupt in die Freiheit geschafft und was mögen sie gedacht und gefühlt haben, als sie sich ihrer Identität und im Kampfe verliehenen Auszeichnungen trennten!??
Ungewissheit. Nach 67 Jahren ist man wieder der Erste, der die Geschichte unserer Väter und Grossväter in seinen Händen hält, sein Leid und auch seine Energie verspürt. Die Gedanken kreisen.
Mittlerweile hat auch die Sonne ihren Lauf beendet und berührt in ihrem orangefarbenen Kleid den Horizont.
Was war gestern und was wird morgen sein?
Man weiss es nicht. Man lässt es einfach auf sich zukommen und wird wieder versuchen, sich seiner Lebenszeit zu erfreuen und auf die grüne Meile gehen und diese entlangschreiten....
Eine Reise ins gewisse Ungewisse, irgendwo im Nirgendwo.
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Re: Ein Sucher auf seinem Marsch...

Ungelesener Beitragvon dirkthefireball » 04.06.2012, 20:44

Gut geschrieben, Gaul daumen-
Schon mal über ein Buch nachgedacht? Ich würd´s wohl kaufen.
dirkthefireball
 

Re: Ein Sucher auf seinem Marsch...

Ungelesener Beitragvon DerIngo » 05.06.2012, 07:29

Gut geschrieben :D

Scheinst wohl so zu sein wie ich. Hab mir letztens das Knie eingehauen beim stöbern. Ich hatte nach kurzer Zeit ein dickes Knie und konnt nur noch humpeln. Irgendwann hatt ich den Kaffee auf während einer kurzen Pause - guck auf mein Knie "weisse watt Bein - Du kannst mich am Arsch lecken" - und weitergegangen

Ich habs nicht leicht - meine Kumpels lachen sich einen ab, das wird mich noch Jahre verfolgen - "der tickt nicht sauber der spricht mit seinem Bein" grins
DerIngo
 

Re: Ein Sucher auf seinem Marsch...

Ungelesener Beitragvon terramagna » 05.06.2012, 09:23

Sehr schoen, das stimmt einen froh und macht sucht nach mehr.

Dein Schreibstil ist leicht und beschwingt, es macht Spass zu lesen und in Gedanken war ich vor Ort klatschen-
terramagna
 

Re: Ein Sucher auf seinem Marsch...

Ungelesener Beitragvon GauWestfalenSüd » 06.06.2012, 10:49

Danke Jungs. Freut mich zu lesen!
@Dirk: Ja, darüber habe ich schonmal nachgedacht. Eine Art Biografie über mein Sucherdasein.
Das Schreiben liegt wohl auch ein bissl in der Familie. Mein Papa schreibt derzeit ein Buch über seinen Vater im Krieg. Fallschirmjäger in Monte Cassino, Italien. An der Befreiung Mussolinis beteiligt etc. Kann es kaum abwarten, das Werk endlich lesen zu können.
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