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Der weiße Riese "Kalimandscharo"

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Der weiße Riese "Kalimandscharo"

Ungelesener Beitragvon JonnyP » 23.02.2010, 14:37

Hey Leute,
In meiner Kindheit war ich regelmäßig am Steinhuder-Meer. Dies liegt in der Nähe von Hannover. Vom Strand aus konnte ich immer schon diesen weißen Riesen sehen. Jetzt hab ich seine Geschichte gefunden:

Geschichten vom Kalimandscharo

An der Autobahn 2 bei Hannover steht eine Salzhalde, höher als die Cheops-Pyramide. 90 000 Autos rasen täglich daran vorbei. Wer die Ausfahrt nimmt, kommt in ein Dorf, in dem die Erde bebt, Häuser verschwinden und die Menschen vom und mit dem Salz leben

Auf der Autobahn 2 ist es, in Richtung Hannover, vor der Ausfahrt Wunstorf-Kolenfeld. Es geht bergab, der Horizont liegt niedrig, auf der linken Straßenseite reißt der Wald auf und gibt den Blick frei auf das Geschachtel der Felder. Ja, denkt man, das ist jetzt Norddeutschland, bis zur Nordsee kommt nichts mehr außer Land und Wolken.

Doch dann steht da, im Blau der Ferne, dieses Ding. Eine Silhouette, starr, still, riesig, als hätte ein Heer von Kulissenschiebern sie am Horizont angelehnt. Wie ein Vulkan sieht sie aus, wie der Rücken eines Wales, wie ein gigantischer Maulwurfhügel, wie der Ayers Rock und doch wie nichts von alldem.

Ratlos könnte man die Silhouette Silhouette sein lassen und weiterfahren auf der Autobahn. Die Silhouette würde noch einige Zeit am Horizont mitwandern wie ein fernes Gebirge, würde zurückfallen, schrumpfen, verschwinden. Ja, man könnte weiterfahren wie 90 000 Autos jeden Tag. Dann würde man vorbeirasen an einem Ort, an dem ein Sportplatz umziehen musste, an dem die Suppe im Teller zittert, an dem auf dem Friedhof die Blumen verrecken, an dem ein ganzes Haus verschwand.

Tom Fecht fuhr ab. Fecht ist Fotograf und hat einen besonderen Sinn für Silhouetten. Vor einem Jahr war es, da sah er sie am Horizont. Er nahm die Ausfahrt und fuhr über die Kolenfelder Straße nach Norden, durch den Raps der Silhouette entgegen, kam in das Dorf Bokeloh, stieg aus und stand an einem Ort, an dem es mitten auf dem Land nach Meer roch. An dem es auf den Lippen auch nach Meer schmeckte. Der Geruch, der Geschmack, sie gehörten nicht in diese Gegend. So wie auch das Bild nicht, das der Fotograf sah, der wusste, dass er hier richtig war: am Fuß einer riesigen, weiß-grauen Halde, die ihren Schatten auf ein Bergwerk aus Backstein warf, auf das Dorf, das sich duckte, und auf ihn, der stand und staunte.

Einen Monat später standen zwei Autos im Salz. Fecht sollte einen Kalender für BMW fotografieren, deshalb war er zur Halde gefahren, deren Umriss er von der Autobahn kannte. Nun war er zurückgekommen, mit den Autos und einem Kran.

Er ließ die Wagen auf die Ausläufer der Halde heben. Wie Spielzeuge wirkten sie. Fecht wartete. Einen Tag, zwei Tage, durchdrungen vom Gedröhn dunkler Militärflugzeuge, die immer wieder über die Halde zogen. Am dritten Tag war ein dramatischer Himmel über ihm, ein schneller Wechsel aus Licht und Schatten. Der Fotograf stand gebeugt auf dem Kran, schaute durch den Sucher, dann - für zwei, drei Sekunden nur - spiegelte sich die Sonne myriadenfach im Salz, Fecht machte sein Foto, Blende 45, eine Dreißigstelsekunde auf 8 mal 10 Inch, und er wusste: Das war's.

Ich hatte ein Bild von Einsamkeit. Es hatte die Qualität von Wüste, von Askese.

Das sagt Fecht nun, ein Jahr später, in seinem Atelier in Berlin. Für mich war diese Halde eine Skulptur, Landschaftsbildhauerei.

Das sind gewaltige Hymnen auf einen 170 Meter hohen Haufen. Einen Haufen, der eigentlich Kalirückstandshalde der Kali + Salz GmbH, Werk Sigmundshall heißt.

Doch Kalirückstandshalde sagt niemand, keiner in Bokeloh, wo sie vom Monte Kali und vom Kalimandscharo sprechen angesichts dieses Berges, der höher ist als die Cheops-Pyramide. Kalirückstandshalde sagt auch keiner wie Fecht, der statt Fotograf lieber Lichthauer auf seine Visitenkarten schreibt und beim Reden Pausen macht, um schließlich Sätze zu präsentieren, als hänge er Bilder an die Wand, sorgsam belichtet, entwickelt, gerahmt.

Man sieht all das alte Salz, diese geogeschichtliche Struktur, die auf einen philosophischen Moment verweist: Man sortiert sich ein in die Geschichte. Das ist Demut.

Vor 230 Millionen Jahren, als an das Wort Demut noch nicht zu denken war, verdunstete dort, wo sich heute die Halde erhebt, ein ganzes Meer

damals nahmen die Geschichten aus Bokeloh gewissermaßen ihren Anfang. Denn als das Meer verschwand, blieb Salz zurück, eine mächtige Schicht, die Erde spielte damit, schob sich darüber, ließ es knirschen, brechen, schloss es ein, bis am Ende im Boden ein Salzdom entstanden war, 3000 Meter hoch, von oben gesehen natürlich 3000 Meter tief. Wälder und Wiesen wuchsen darüber. Dann war lange Ruhe.

Bis die Menschen kamen und im Jahr 1896 begannen, an der Oberfläche zu kratzen. Sie fanden das Salz und gruben sich immer tiefer hinein, legten ein System von Schächten und Stollen an. Sie sind inzwischen bis auf 1400 Meter hinabgekommen, mit jeder neu erschlossenen Sohle haben sie ein bisschen Bergarbeiterromantik zurückgelassen

heute zügeln die Arbeiter Maschinen, die Beraubefahrzeug und Muldenkipper heißen. Ein paar hundert Männer fahren täglich ein, mit weißen Helmen und blauer Kluft, in die Schwärze unter der Halde.

Jeden Morgen gleitet Uwe Lutzi in einem offenen Gitterkäfig hinab, fast fühlt es sich an, als stürze man in einen Backofen, so fällt man in die Hitze hinein. Im Schacht wirbelt Salzstaub, die Männer schließen die Augen und husten. Ihre Haare, ihre Bärte, ihre Augenbrauen werden weiß. Mit einem Ruck stoppt der Korb. Eine Klingel schrillt. Die Tür geht auf.

Heiß hier unten.

42 Grad Luft, sagt Lutzi.

Wie kann man da arbeiten?

In den Stollen stehen Tiefkühltruhen mit Eiswesten für die Bergleute. Die Schicht endet nach sieben Stunden, länger ist es nicht auszuhalten. Toiletten gibt es keine, pinkeln muss in der schweißtreibenden Hitze sowieso niemand, sagt Lutzi. Wer so dumm ist, frisch rasiert einzufahren und dann mit offenen, durstigen Poren im Salzstaub arbeitet, kommt wie ein Streuselkuchen wieder rauf. Wer es aber in 1400 Meter Tiefe schafft, die flache Hand eine Minute lang an den 65 Grad heißen Stein zu legen, ist der König der Schicht. Und wenn die Bauern oben die Felder rund um die Halde düngen, die Äcker am Luftschacht, dann stinkt es unten nach Scheiße.

Lutzi arbeitet seit fünf Jahren in der Tiefe. Erst war er Schießhauer im Abbau. Er hat Sprengstoff in Bohrlöcher gestopft und die Zünder angeschlossen. Damit sie das Salz überhaupt hoch transportieren können, müssen sie es in kleine Kristalle zersprengen.

Jetzt ist Lutzi aufgestiegen, buchstäblich. Er fährt ab und zu nach Waterloo.

Waterloo liegt auf der 500-Meter-Sohle, wo die Kreuzungen der einzelnen Schächte nach U-Bahn-Stationen in Hannover benannt sind, damit sich niemand verirrt: Steintor, Kröpke, Georgsplatz, Aegi, Goetheplatz. Und Waterloo. Tag für Tag, wobei die Tage dunkel sind wie die Nacht, fährt Lutzi mit einem Geländewagen die Strecken ab, hält an und horcht mit einem Georadar in den Berg: Wo sind die Einschlüsse des gefährlichen Anhydrit im Salz? Wer diesen spröden Stein anbohrt, könnte verschüttet werden.

Lutzi hat einen Job, um den die Kollegen ihn beneiden. Ja, außer Salz gibt es auch Neid unter der Halde, denn Lutzi hat hier ein richtiges Büro. In 900 Meter Tiefe. Neunhundert Meter

das ist doppelt so tief, wie das World Trade Center hoch war. Zwar besteht das Büro nur aus Salzwänden und Schränken wie vom Sperrmüll, aber es ist auf 28 Grad gekühlt, weil es direkt am Wetterschacht mit der frischen Luft von oben liegt, und Lutzi hat einen Computer und ein Telefon, sogar rauchen darf er. War im Sprengstofflager verboten. Macht auch Sinn irgendwo. Und doch: Von seiner alten Arbeit ist er nicht losgekommen. Noch immer faszinieren ihn die Erschütterungen mittags um kurz vor eins, wenn zum Schichtwechsel unter Tage gesprengt wird und bei ihm zu Hause in der Bergarbeitersiedlung die Suppe im Teller zittrige Wellen schlägt.

Das Werk hat außer dem täglichen Erdgrollen auch ein wenig Reichtum ins Dorf gebracht, sehr früh elektrisches Laternenlicht und den Anschluss an die Steinhuder-Meer-Bahn

1905 war das, als in Bokeloh die Zukunft begann. Die Halde aber wuchs erst nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Feldern. Die Salzlager unter Bokeloh bestehen zu einem Viertel aus Kaliumchlorid, wertvollem Dünger. Die anderen drei Viertel sind Natriumchlorid, Speisesalz.

Dafür aber interessiert sich seit den fünfziger Jahren niemand mehr, es ist nicht rein genug, deshalb häuft es sich zur Halde - nur ein paar schöne, große Brocken gehen an eine Firma, die daraus Urnen für Seebestattungen schleift.

So liegen nun 30 Millionen Tonnen Salz neben dem Dorf, geschichtet wie ein Baumkuchen. Wenn das Salz reden könnte, es hätte einiges zu erzählen: die Lage ganz unten von der Nachkriegszeit, die darüber vom Wirtschaftswunder, von der Ölkrise, von Streiks, von den Werksschließungen in Ostdeutschland nach der Wende. Deutsche Vergangenheit, Schicht für Schicht. Immer aber würde das Salz von Lohn und Brot künden, denn die Halde ist ein Berg von Arbeit.

Mit ihr wuchs der Wohlstand, Bokeloh hat nur sechs Prozent Arbeitslose. In Niedersachen liegt die Quote bei neun. Da muss man die Halde doch lieben, oder, Herr Jürgens?

Willi Jürgens' Antwort sind ein paar Schritte von seiner Haustür durchs Wohnzimmer hindurch auf die Terrasse und in den Garten, in den Wind, der von der Halde im Westen herüberweht. Der Vorsitzende des Vereins für Immissions- und Umweltschäden e. V. hatte am Telefon vom Sturm erzählt, der das Salz ins Dorf trägt, von Verwehungen, die erst den Himmel über der Halde verdunkeln und sich dann auf die Häuser legen. Nun steht Jürgens in seinem Garten, tritt mit dem Fuß gegen einen Baumstumpf und sagt: Das war mal unser Apfelbaum.

Und? Wo ist er hin?

Fällen mussten wir den, ist uns eingegangen.

Das Salz?

Das Salz.

Jürgens wohnt in Bokeloh nur einen Acker von der Halde entfernt, 300 Meter sind es bis zum Werk. Jürgens war mal Bürgermeister in Bokeloh und auch mal Banker in Hannover, jetzt ist er 75, Vorsitzender des Umweltvereins und Besitzer eines Gartens, in dem sich 25 Bäume mit silbrig belegten Blättern gegen das Sterben wehren. Manchmal fegt seine Frau Salzstaub von den Fensterbänken, und er liest tote Äste vom Rasen auf, die unter seinen Schuhen knacken. Oben auf dem Dach verrostet die Antenne. Und drüben - Jürgens schaut durch enge Augenschlitze zur Halde -, drüben lassen die Förderbänder Tag und Nacht neues Salz auf die Halde rieseln, sie wird immer höher und breiter

bis zur Nordsee kommt nichts mehr in vergleichbarer Höhe, vom Hamburger Fernsehturm mal abgesehen. Mag die Halde den Menschen in Bokeloh auch Arbeit geben, sie raubt ihnen gleichzeitig ein Stück Himmel. Bald wird die Halde 200 Meter erreicht haben, einen Sportplatz und ein Haus hat sie schon verschlungen. Der Sportplatz wurde ein paar hundert Meter weiter im Westen neu gebaut. Das Haus, in dem das alte Ehepaar Stemme lebte, wurde nach dem Tod der alten Leute abgerissen, dann begrub das Salz die Fundamente und die Erinnerungen an zwei Leben. Gierig ist sie, die Halde. Nicht aufzuhalten.

Quelle: http://www.zeit.de/2002/43/Geschichten_ ... o?page=all


Hier ein paar Fotos von dem "Häufchen"

DSCF0494_Montage.jpg

1007haj27.jpg

Halde.jpg


So das was erstmal.
Bye
Matze
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JonnyP
 

Re: Der weiße Riese "Kalimandscharo"

Ungelesener Beitragvon firefrog » 14.03.2010, 12:46

Interessante Sache, vorallem auch die durchaus gegensätzliche Sichtweise von Jürgens am Ende.

Aber mal eine Frage, wenn das Salz da so offen rumliegt: verschmutzt das nicht das Grundwasser? Oder ist das "egal"?
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Re: Der weiße Riese "Kalimandscharo"

Ungelesener Beitragvon dejalo » 01.11.2019, 19:45

Hier mal ein kleines Update. Das Kaliwerk Sigmundshall ist vor einem Jahr stillgelegt worden und soll geflutet werden..

http://www.kali-gmbh.com/dede/company/w ... index.html

https://www.haz.de/Umland/Wunstorf/Wuns ... -Kolenfeld

https://www.sn-online.de/Schaumburg/Nen ... nhof-Haste
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