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Der in der Luft fahrende Kärrner.

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Moderatoren: Bunker-nrw, Sargon_III, PGR 156

Der in der Luft fahrende Kärrner.

Ungelesener Beitragvon DBtechnik » 12.02.2009, 21:04

Ich hab mal wieder eine westfälische Sage herausgesucht, die diesmal typisch für das ausgehende Mittelalter bzw, die beginnende Neuzeit ist. Sie spielt zur Zeit der Hexenprozesse, die ihren Höhepunkt zwischen 1550 -1650 erreichten.
Und um euch ordentlich zu langweilen hab ich am Ende mal wieder ein paar Anmerkungen drangehängt.

Der in der Luft fahrende Kärrner.

In der Stadt Gesicke in Westphalen ist einmal ein Kärrner des Abends in ein Wirthshaus gelangt und hat daselbst verbleiben wollen, die Wirthin aber hat vorgewandt, sie könne ihn nicht beherbergen, weil viele vornehme Leute im Anzuge wären und bei ihr die Nacht bleiben wollten.
Der Kärrner versetzte aber, er könne nicht weiter kommen, er wolle sich also in dem Viehstalle behelfen. Als ihm die Frau dies zugestanden, hat er sich hineinbegeben und niedergelegt, konnte aber nicht einschlafen.
Da kommen nun bald des Teufels Gäste an, alle mit modischen Kleidern angethan, ihnen wird ein stattliches Tractament vorgesetzt, sie essen, trinken und sind lustig.
Bald aber fliegen sie zum Fenster hinaus, nachdem sie sich mit einer Salbe geschmiert haben, die auf dem Tische stand.
Als jene weg sind, macht sich der Kärrner an die Speisen, genießt davon, schmiert sich ebenso und kommt sofort in den Weinkeller einer großen Stadt, wo ihn eine der Töchter der Wirthin erkennt und ihm eine rothe Mütze gibt, die er aufsetzen soll.
Er trinkt sich nun voll, vergißt aber die Mütze und bleibt im Weinkeller liegen.
Den Morgen darauf wird er ertappt, vor Gericht geführt und erzählt da den ganzen Handel, zieht die ihm gegebene rothe Mütze hervor, setzt sie auf und beweist damit seine Unschuld, dann fliegt er aber damit davon und kommt wieder an seinen Ort, wo die Hexen angezeigt und verbrannt werden.

Quelle: Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 761



Der Sage ihre Kerne....auch meine nervenden Anmerkungen genannt:

Ein Kärrner ist ein Karrenführer oder Fuhrmann. Also ein Fernfahrer des Mittelalters. Wie die heutigen, erzählten auch die damaligen gerne Geschichten. Es handelte sich auch um sprichwörtlich trinkfeste Gesellen ("Voll wie ein Fuhrmann!")
Natürlich landet er in einem Weinkeller. Wo auch sonst?


Die Salbe ist die sogenannte Flugsalbe, oder Hexensalbe.
Es handelt sich um berauschende Zubereitungen, deren Hauptbestandteile meistens Nachtschattenpflanzen, Schierling und andere Giftpflanzen waren.
Die Salben wurden auf empfindliche Hautbereiche aufgetragen, beispielsweise Innenflächen der Oberschenkel, Handflächen, Pulsstellen, Stirn usw. damit die enthaltenen Giftstoffe durch die Haut aufgenommen werden konnten.
Das führt zu Herzrasen, Sehstörungen und zu Halluzinationen.
Rezepte für diese Salben gibt es dann natürlich im Internet für Leute die zur Selbstfindung eine Astralreise antreten wollen (bei falscher Dosierung auch schon mal eine entgültige).

Schon im Standardwerk des Hexenwesens, dem Malleus Maleficarum oder Hexenhammer von 1487, wird eine Flugsalbe erwähnt. Hier ist allerdings vom tatsächlichen Fliegen die Rede. Und damit es richtig schön scheußlich wird, erlangt die Hexe ihre Flugfähigkeit durch eine Salbe, die aus den gekochten Gliedern von Kindern - möglichst ungetauften- hergestellt wird.

Das die Wirtstochter den Fuhrmann "erkennt" bedeutet nicht, dass sie ihn schon mal gesehen hat, sondern das sie sich in ihn verknallt hat (manchmal komische Umschreibungen damals).

Was es nun genau mit der Bedeutung der roten Mütze auf sich hat, wird mir hier nicht so richtig klar. Es ist eigentlich ein Freiheitssymbol. Soll möglicherweise bedeuten: "Ich darf das!"
Wenn jemand was genaueres weiss...Immer her damit!

Das Ende ist dann ein Hinweis auf das traurige Kapitel der Hexenprozesse und das unvermeidliche Ende eines solchen.


Gruß Detlef
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Ungelesener Beitragvon Pionier » 12.02.2009, 21:31

DB...
schöne Geschichte,
weist du ob die Geschichte ein wahren hintergrund hat?
Pionier
 

Ungelesener Beitragvon DBtechnik » 12.02.2009, 21:42

Ich geh da mal von aus. Diese Hexensagen basieren fast immer auf einen tatsächlichn Hexenprozess.
Ich bin da im Moment noch am suchen.
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Ungelesener Beitragvon Pionier » 12.02.2009, 21:54

Weist du vielleicht, wann da der letzte Hexenprozess war und wie die übliche hinrichtung aussah?
(Ertränken,Verbrennen,Erhängen)
Pionier
 

Ungelesener Beitragvon DBtechnik » 12.02.2009, 21:56

So jetzt hab ich es gefunden (manchmal seh ich den Wald vor lauter Bäumen nicht):

Gesicke ist das heutige Geseke im Kreis Soest. Dort fanden zahlreichen Hexenprozesse statt. Es wurde deshalb im Volksmund auch "Hexen-Geseke" genannt.

Gruß Detlef
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Ungelesener Beitragvon DBtechnik » 12.02.2009, 22:12

Die Opfer wurden immer verbrannt. Teilweise wurden sie als "Straferleichterung" vorher erwürgt oder in Ausnahmefällen auch geköpft.

In Geseke fanden z.B. 18 Prozesse im Jahr 1618/19 statt.

Gruß Detlef
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Ungelesener Beitragvon taunusbär » 13.02.2009, 13:37

Schöne Geschichte,super Erläuterung,Danke :lol: :lol:
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